Op. 70
"Lebenskreise" ("Life Cycles ")


I.

Der Morgen
(Hölderlin)

Vom Taue glänzt der Rasen; beweglicher
Eilt schon die wache Quelle; die Birke neigt
Ihr schwankes Haupt, und im Geblätter
Rauscht es und schimmert; und um die grauen
Gewölke streifen rötliche Flammen dort,
Verkündende, sie wallen geräuschlos auf;
Wie Fluten am Gestade wogen
Höher und höher die wandelbaren.
Komm nun, o komm, und eile mir nicht zu schnell,
Du goldner Tag, zum Gipfel des Himmels fort!
Denn offner fliegt, vertrauter dir mein
Auge, du Freudiger! zu, solang du
In deiner Schöne jugendlich blickst und noch
Zu herrlich nicht, zu stolz mir geworden bist;
Du möchtest immer eilen, könnt' ich,
Göttlicher Wand'rer, mit dir! - doch lächelst
Des frohen (Übermütigen du, daß er
Dir gleichen möchte; segne mir lieber denn
Mein sterblich Tun und heit're wieder,
Gütiger! heute den stillen Pfad mir!

II.

Das Werk
(Goethe)

Hat Natur, nach ihrem dunklen Walten,
Hier sich Bergreih'n hingezogen, droben
Felsen aufgezackt und gleich daneben
Über Talgestein und Höh'n und Höhlen
Heilig ruhend alten Wald gepfleget,
Daß den unwirtbaren Labyrinthen
Sich der Wand'rer grausend gern entzöge:
Sieh ! da dringt heran des edlen Menschen
Meisterhand; sie darf es unternehmen,
Darf zerstören tausendjähr'ge Schöpfung.
Schallet nun das Beil im tiefsten Walde,
Klingt das Eisen an dem schroffen Felsen,
Und in Stämmen, Splittern, Massen, Trümmern
Liegt zu unbegreiflich neuem Schaffen
Ein Zerstörtes gräßlich durcheinander.
Aber bald dem Winkelmaß, der Schnur nach
Reihen sich die Steine, wachsen höher;
Neue Form entspringt an ihnen, herrlich
Bildet mit der Ordnung sich die Zierde,
Und der alte Stamm, gekantet, fügt sich,
Ruhend bald und bald emporgerichtet,
Einer in den andern. Hohen Giebels
Neuer Kunstwald hebt sich in die Lüfte.
Sieh! Des Meisters Kränze wehen droben,
Jubel schallt ihm, und dem Weitbaumeister
Hört man wohl den irdischen vergleichen.


Zündet das Feuer an!
Feuer ist obenan.
Höchstes, er hat's getan,
Der es geraubt.
Wer es entzündete,
Sich es verbündete,
Schmiedete, ründete
Kronen dem Haupt.

Wasser, es fließe nur!
Fließet es von Natur
Felsenab durch die Flur,
Zieht es auf seine Spur
Menschen und Vieh.
Fische, sie wimmeln da,
Vögel, sie himmeln da,
Ihr' ist die Flut;
Die unbeständige,
Stürmisch lebendige,
Daß der Verständige
Manchmal sie bändige,
Finden wir gut.

Erde, sie steht so fest.
Wie sie sich quälen läßt!
Wie man sie scharrt und plackt!
Wie man sie ritzt und hackt!
Da soll's heraus.

Furchen und Striemen zieh'n
Ihr auf den Rücken hin
Knechte mit Schweißbemüh'n;
Und wo nicht Blumen blüh'n,
Schilt man sie aus.

Ströme du, Luft und Licht,
Weg mir vom Angesicht!
Schürst du das Feuer nicht,
Bist du nichts wert.
Strömst du zum Herd herein,
Sollst du willkommen sein,
Wie sich's gehört.
Dring nur herein ins Haus;
Willst du hernach hinaus,
Bist du verzehrt.

Rasch nur das Werk getan!
Feuer nun flammt's heran,
Feuer schlägt obenan;
Sieht's doch der Vater an,
Der es geraubt.
Der es entzündete,
Sich es verbündete,
Schmiedete, ründete
Kronen dem Haupt.


III.
Sinnen und Suchen
(Hölderlin)

Echo des Himmels, heiliges Herz! warum,
Warum verstummst du unter den Lebenden,
Schläfst, freies! von den Götterlosen
Ewig hinab in die Nacht verwiesen?

Wacht denn, wie vormals, nimmer des Äthers Licht?
Und blüht die alte Mutter, die Erde, nicht?
Und übt der Geist nicht da und dort, nicht
Lächelnd die Liebe das Recht noch immer?

Nur du nicht mehr ! doch mahnen die Himmlischen,
Und stillebildend weht, wie ein kahl Gefild,
Der Atem der Natur dich an, der
Alleserheiternde, seelenvolle!

O Hoffnung ! bald, bald singen die Haine nicht
Des Lebens Lob allein, denn es ist die Zeit,
Daß aus der Menschen Munde sie, die
Schönere Seele, sich neu verkündet.

Und er, der sprachlos waltet und unbekannt
Zukünftiges bereitet, der Gott, der Geist
Im Menschenwort, am schönen Tage
Kommenden Jahres, wie einst, sich ausspricht.


(Goethe)

Wohl ist sie schön, die Welt! In ihrer Weite
Bewegt sich so viel Gutes hin und her.
Ach, daß es immer nur um einen Schritt
Von uns sich zu entfernen scheint
Und uns're bange Sehnsucht durch das Leben
Auch Schritt vor Schritt bis nach dem Grabe
So selten ist es, daß die Menschen finden,
Was ihnen doch bestimmt gewesen schien;
So selten, daß sie das erhalten, was
Auch einmal die beglückte Hand ergriff!
Es reißt sich los, was erst sich uns ergab,
Wir lassen los, was wir begierig faßten.
Es gibt ein Glück, allein wir kennen's nicht:
Wir kennen's wohl und wissen's nicht zu schätzen.

Einig, unverrückt, zusammenwandernd
Leuchten ewig sie herab, die Sterne;
Mondlicht überglänzet alle Höhen,
Und im Laube rauschet Windesfächeln,
Und im Fächeln atmet Philomele,
Atmet froh mit ihr der junge Busen,
Aufgeweckt vom holden Frühlingstraume.

Ach ! warum, ihr Götter, ist unendlich
Alles, alles, endlich unser Glück nur?
Sternenglanz und Mondes Überschimmer,
Schattentiefe, Wassersturz und Rauschen
Sind unendlich, endlich unser Glück nur.

Sternenglanz, ein liebereich. Beteuern,
Mondenschimmer, liebevoll Vertrauen,
Schattentiefe, Sehnsucht wahrer Liebe
Sind unendlich, endlich unser Glück nur.

IV.
Natur
(Goethe)

Leichte Silberwolken schweben
Durch die erst erwärmten Lüf te,
Mild, vom Schimmer sanft umgeben,
Blickt die Sonne durch die Düfte;

Leise wallt und drängt die Welle
Sich am reichen Ufer hin,
Und wie reingewaschen helle,
Schwankend hin und her und hin,
Spiegelt sich das junge Grün.

Tausend, abertausend Stimmen
Hör ich durch die Lüfte schwimmen -
Wie sie wogen, wie sie schwellen!
Mich umgeben ihre Wellen,
Die sich sondern, die sich einen,
Sie, die ewig schönen, reinen.

Wie sie mir ins Ohr gedrungen,
Wie sie sich ins Herz geschlungen,
Stürmen sie nach allen Seiten,
Von der Nähe zu den Weiten,
Berghinan und talhernieder,
Und das Echo schickt sie wieder.

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Welche Stille, welches Grausen
Liegt auf einmal um uns her!
Welch ein dumpfes, fernes Sausen,
Welch ein tiefbewegtes Brausen,
Wie der Sturm im fernen Meer!
Immer lauter aus der Ferne
Hör ich alle Wetter drohen.
Welche Nacht bedeckt den goldnen,
Heiter'n Himmel,
Und die Sterne
Schwinden schon vor meinem Blick.


Und von den niedern zu den höchsten Stufen
Sind Kräfte der Natur hervorgerufen.
Die Atmosphäre trübt sich, ist erregt,
Der Donner rollt, ein Blitz, der prasselnd schlägt,
Zersplittert Wald und Fels, die moosigen alten,
Die Rinde gar des Bodens wird zerspalten.

Erdschlünde tun sich auf, ein Feuerqualm
Zuckt flammend übers Feld, versengt den Halm,
Versengt der Bäume lieblich Blütenreich.
Nun herrscht die Nacht, das Leben stockt sogleich,
Und aus den Grüften hebt sich leis heran
Das Gnomenvolk und wittert alles an,
Und wittert alles aus und spürt den Platz
Und forscht und gräbt : da glitzert mancher Schatz.
Das altverborg'ne Gold bringt keinem Heil,
Der Finsternis Genosse will sein Teil.

Schon hüben und drüben sind Berge versunken,
Schon gähnet der Abgrund, schon sprühen die Funken.
Der Schrecken ergreift mich, wo rett' ich mich hin?
Noch kracht es entsetzlicher, Felsen erglüh'n,
Sie bersten, sie stürzen, sie öffnen mir schon
Der grauesten Tiefe plutonischen Thron!

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Kehrst du wieder, Himmelshelle?
Iris mit gewohnter Schnelle
Trennt die grausen Wolken schon,
Augenfunkelnd für Entzücken,
Den Geliebten zu erblicken
Auf dem goldnen Wagenthron.

Phöbus glänzt ihr hold entgegen;
Himmlischer Vermählung Segen
Fühlt der Erde weiter Kranz.
Um des Bogens bunten Frieden
Schlingen lieblichste Sylphiden,
Schillernd zierlich, Kettentanz.

Und da unten Silberwellen
Grünlich-purpurn wogen, schwellen
Auch empor in Liebesglut,
Schalkisch locken gleich Undinen,
Blauen Aug's, verschämter Mienen,
Sich den Himmel in die Flut.
Blüht's am Ufer, wogt's in Saaten,
Alles ist dem Gott geraten,
Alles ist am Ende gut!


V.
Dämmerung
(Hölderlin)

Wo bist du? Trunken dämmert die Seele mir
Von aller deiner Wonne; denn eben ist's,
Daß ith gelauscht, wie, goldner Tone
Voll, der entzückende Sonnenjungling
Beim Abschied auf der himmlischen Leier spielt';
Es tönten rings die Wälder und Hügel nach,
Doch fern ist er zu frommen Völkern,
Die ihn noch ehren, hinweggegangen.

(Goethe)
Sei gesegnet, o Mond! Führer du des Gestirns,
Sei mein Herr du, mein Gott! Du beleuchtest den Weg.
Laß!, laß nicht in der Finsternis
Mich irren mit irrendem Volk.
Sonn', dir gluhenden, weiht sich das glühende Herz.
Sei mein Herr du, mein Gott! Leit', allsehende, mich.
Steigst auth du hinab, Herrliche?
Tief hüllt mich Finsternis ein.
Hebe, liebendes Herz, dem Erschaffenden dich!
Sei mein Herr du, mein Gott! du alliebender, du,
Der die Sonne, den Mond und die Stern
Schuf, Erde und Himmel und mich.

(Hölderlin)
Einen vergänglichen Tag lebt' ich und wuchs mit den Meinen,
Eins ums andere schon schläft mir und fliehet dahin.
Doch, ihr Schlafenden, wacht am Herzen mir, in verwandter
Seele ruhet von euch mir das entfliehende Bild.
Und lebendiger lebt ihr dort, wo des göttlichen Geistes
Freude die Alternden all, alle die Toten verjüngt.

(Fontane)
Immer enger, leise, leise
Ziehen sich die Lebenskreise,
Schwindet hin, was prahlt und prunkt,
Schwindet Hoffen, Hassen, Lieben,
Und ist nichts in Sicht geblieben
Als der letzte dunkle Punkt.

VI.
Das ewige Licht
(Hrabanus Maurus, übertragen von Goethe)

Komm, Heiliger Geist, du Schaffender,
Komm, Deine Seelen suche heim;
Mit Gnadenfülle segne sie,
Die Brust, die du geschaffen hast!

Du heißest Tröster, Paraklet,
Des höchsten Gottes Hochgeschenk,
Lebend'ger Quell und Liebesglut
Und Salbung heiliger Geisteskraft.

Du siebenfaltiger Gnadenschatz,
Du Finger Gottes rechter Hand,
Von ihm versprochen und geschickt,
Der Kehle Stimm' und Rede gibst.

Den Sinnen zünde Lichter an,
Dem Herzen frohe Mutigkeit,
Daß wir im Körper Wandelnden
Bereit zum Handeln sei'n, zum Kampf!

Den Feind bedränge, treib ihn fort,
Daß uns des Friedens wir erfreu'n,
Und so an deiner Führerhand
Dem Schaden überall entgeh'n!

Vom Vater uns Erkenntnis gib,
Erkenntnis auch vom Sohn zugleich,
Uns, die dem beiderseit'gen Geist
Zu allen Zeiten gläubig fleh'n!

Darum sei Gott dem Vater Preis,
Dem Sohne, der vom Tod erstand,
Dem Paraklet, dem wirkenden,
Von Ewigkeit zu Ewigkeit.