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,,Dem Andenken
dieser Zeit, ihres Elends und ihrer Opfer”
DE PROFUNDIS
Kantate
nach
deutschen Gedichten des 17. Jahrhunderts
I.
Von der Vergänglichkeit
(Andreas Gryphius, 1616 — 1664)
Du siehst,
wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein;
wo jetzund Städte stehn, wird eine Wüste sein,
auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden;
was jetzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden,
was jetzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch und Bein;
nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein. |
Die Herrlichkeit
der Erden
muß Rauch und Asche werden;
kein Fels, kein Erz kann stehn.
Das, was uns kann ergötzen,
was wir am höchsten schätzen,
wird als ein leichter Traum vergehn.
Es hilft kein weises Wissen,
wir werden hingerissen
ohn einen Unterscheid.
Was nützt der Schlösser Menge?
Dem hier die Welt zu enge,
dem wird ein enges Grab zu weit.
Wie eine Rose blühet,
wenn man die Sonne siehet
begrüßen diese Welt,
die, eh der Tag sich neiget,
eh sich der Abend zeiget,
verwelkt und unversehns abfällt:
so wachsen wir auf Erden
und hoffen groß zu werden
und schmerz- und sorgenfrei;
doch eh wir zugenommen
und recht zur Blüte kommen,
reißt uns des Todes Sturm entzwei.
Auf Herz! Wach und bedenke,
daß dieser Zeit Geschenke
den Augenblick nur dein!
Was du zuvor genossen,
ist als ein Strom verschossen.
Was künftig,- wessen wird es sein? |
Mein sind
die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen;
mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen;
der A u g e n b l i c k ist mein, und nehm ich den in acht,
so ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht. |
II.
Auf
grüner Erde
(Paul Fleming, 1609 — 1640)
Laßt
uns tanzen, laßt uns springen!
Denn die wollustvolle Herde
tanzt zum Klange der Schalmeien;
Hirt und Herde muß sich freuen,
wenn im Tanz auf grüner Erde
Böck und Lämmer lieblich ringen.
Laßt
uns tanzen, laßt uns springen!
Denn die Sternen, gleich den Freiern,
prangen in den lichten Schleiern;
was die lauten Zirkel klingen,
nach dem tanzen sie am Himmel
mit unsäglichem Getümmel.
Laßt
uns tanzen, laßt uns springen!
Denn der Wolken schneller Lauf
steht mit dunklem Morgen auf.
Ob sie gleich sind schwer und trübe,
dennoch tanzen sie mit Liebe
nach der Regenwinde Singen.
Laßt
uns tanzen, laßt uns springen!
Denn die Wel1en, so die Winde
lieblich ineinander schlingen,
die verwirren sich geschwinde;
wenn die buhlerische Luft
sie verschläget an die Kluft,
tanzt der Fluten Fu13 zum Sprunge,
wie der Nymphen glatte Zunge.
Laßt
uns tanzen, laßt uns springen!
Denn der bunten Blumen Schar,
wenn auf ihr betautes Haar
die verliebten Weste dringen,
geben einen lieben Schein,
gleich als sollten’s Tänze sein.
Laßt
uns tanzen, laßt uns springen,
laßt uns laufen für und für!
Denn durch Tanzen lernen wir
eine Kunst von schönen Dingen.
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III.
Nachtgesänge
(Andreas Gryphius)
Die Erden
lag verhüllt mit Finsternis und Nacht,
als mich die Welt empfing; der hellen Lichter Pracht,
der Sterne güldne Zier umgab des Himmels Auen.
Warum? Um daß ich soll nur nach dem Himmel schauen. |
Der du
uns unsterblich machest,
der du ewig für uns wachest
und, was ewig, uns gewiesen,
Gott, sei ewig hoch gepriesen! |
Ihr Lichter,
die ich nicht auf Erden satt kann schauen,
ihr Fackeln, die ihr Nacht und schwarze Wolken trennt,
als Diamante spielt und ohn Aufhören brennt,
ihr Blumen, die ihr schmückt des Himmels Auen,
ihr Bürgen meiner Lust, wie manche schöne Nacht
hab ich, indem ich euch betrachtete, gewacht?
Herolden dieser Zeit! Wann wird es doch geschehn,
daß ich, der eurer nicht allhier vergessen kann,
euch, deren Liebe mir steckt Herz und Geister an,
von andern Sorgen frei werd unter mir besehn? |
Laß
mich rechte Wege gehen,
führe mich auf deinen Pfad!
Laß, was zeitlich, mich verschmähen,
mich auf das, was ewig, sehen,
leite mich nach deinem Rat! |
Der
schnelle Tag ist hin; die Nacht schwingt ihre Fahn
und führt die Sterne auf. Der Menschen müde Scharen
verlassen Feld und Werk. Wo Tier und Vögel waren,
trauert die Einsamkeit. Wie ist die Zeit vertan!
Dem Port
naht mehr und mehr der wildbewegte Kahn.
Gleich wie das Licht verfiel, so wird nach wenig Jahren
ich, du, und was man hat, und was man sieht, hinfahren.
Dies Leben kömmt mir vor als eine Rennebahn.
Laß,
höchster Gott, mich doch nicht auf dem Laufplatz gleiten!
Laß mich nicht Schmerz, nicht Pracht, nicht Lust, nicht
Angst verleiten!
Dein ewig heller Glanz sei vor und neben mir!
Laß, wenn der müde Leib entschläft, die Seele
wachen.
Lind wenn der letzte Tag wird mit mir Abend machen,
so reiß mich aus dem Tal der Finsternis zu DIR!
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IV.
Der
Totentanz
„Derhalben,
wie durch einen Menschen die Sünde ist kommen in die
Welt,
und der Tod durch die Sünde, und ist also der Tod zu
den Menschen
durchgedrungen, dieweil sie alle gesündiget haben.“
(Pauli
Römer. V.)
Zeuch
hin, betrübtes Jahr, zeuch hin mit meinen Schmerzen,
zeuch hin mit meiner Angst und Uberhäuftem Weh,
zeuch so viel Leichen nach! Bedrängte Zeit, vergeh,
und führe mit dir weg die Last von meinem Herzen!
Fällt meine Zeit nicht hin wie ein verschmelzter Schnee?
Laß doch, weil mir die Sonn gleich in der Mittagshöh.
mich noch nicht untergehn gleich ausgebrennten Kerzen!
(Andreas Gryphius)
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Wie
das Gras auf grünen Auen
wird vom Mäher abgehauen,
keine Blume bleibt verschont:
also heißt der Tod uns wandern,
reißt den einen nach dem andern
nieder, als er ist gewohnt.
Helfen
kann kein Schwert noch Degen,
Todes Macht ist überlegen
auch des stärksten Helden Kraft:
Kronen, Zepter, Waffen, Lanzen
müssen alle mit ihm tanzen,
alles Fleisch wird fortgerafft,
(Heinrich Albert, 1604 — 1668)
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Der Monden
steht im Blut; es schwindt der Sterne Licht;
die aufgeschwellte See will über Berge reichen.
Wer hört der Winde Grimm, der Lüfte Rasen nicht?
Ein jeder Mensch verschmacht’ und weiß nicht was
er spricht
vor großer Herzensangst. Die rauhen Felsen weichen;
auch zittert Berg und Tal. O Herr der Herrlichkeit!
Der du im Feur’ die Welt zu richten dich bereit’,
hilf daß ich ja mein Herz mit Sünden nicht beschwere!
Mich nicht der Donnerstrahl des letzten Tags verzehre! |
Herr, es
ist genung geschlagen,
Angst und Ach genung getragen:
gib, daß ich der Handvoll Jahre
froh werd eins vor meiner Bahre!
(Andreas Gryphius) |
V.
Zum
Frieden
,,Siehe,
wir preisen selig, die erduldet haben!
Wir rühmen uns auch der Trübsale, dieweil wir wissen,
daß Trübsal Geduld bringet.
Geduld aber bringet Erfahrung, Erfahrung aber bringet Hoffnung.
Hoffnung aber lässet nicht zu Schanden werden.“
(Pauli Römer, V.) |
Hoffnung
ist ein fester Stab
und Geduld ein Reisekleid,
da man mit durch Welt und Grab
wandert in die Ewigkeit.
(Friedrich v. Logau. 1604 — 1655)
Es ist
genug! Mein matter Sinn
sehnt sich dahin,
wo meine Väter schlafen.
Ich hab es endlich guten Fug,
es ist genug!
Ich muß mir Rast verschaffen.
Ich bin
ermüdt, ich hab geführt
des Tages Bürd,
es muß eins Abend werden.
Erlös mich, Herr, spann aus den Pflug,
es ist genug!
Nimm von mir die Beschwerden!
Nun gute
Nacht, ihr meine Freund,
ihr meine Feind,
ihr Guten und ihr Bösen!
Euch folg die Treu, euch folg der Trug,
es ist genug,
Mein Gott will mich auflösen.
So nimm
nun, Herr, hin meine Seel,
die ich befehl
in deine Hand und Pflege.
Schreib in sie in dein Lebensbuch,
es ist genug!
Daß ich mich schlafen lege.
(Herzog Anton Ulrich von Braunschweig, 1633
— 1714)
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