Op. 33
Fünf Lieder (Five Songs)


No. 1

Vergängliches

Wo sind die Stunden der süßen Zeit,
da ich zuerst empfunden,
wie deine Lieblichkeit
mich dir verbunden?
Sie sind verrauscht, es bleibet doch dabei,
daß alle Lust vergänglich sei.

Ich schwamm in Freude;
der Liebe Hand
spann mir ein Kleid von Seide.
Das Blatt hat sich gewandt.
Ich geh im Leide,
Ich wein jetzund, daß Lieb und Sonnenschein
stets voller Angst und Wolken sein.

Hoffmann von Hoffmannswaldau

Transience

Where are the hours of that sweet time
when I first felt
how your loveliness
had bound me to you?
They have faded, and so it remains,
that all desire is transient.

I swam in joy;
the hand of love
spun me a silken robe.
The leaf has turned.
I go in suffering,
I weep now, that love and sunshine
are ever full of anxiety and clouds.

No. 2

Der Wiesenbach

Kühl- und Klarer! Ohne Laut
führst du über Moos und helle
Steine die bewegte Welle,
Busch und Wiese gleich vertraut.

Blätter, Blumen, Früchte schwanken
dann und wann auf dir dahin,
wie verlorene Gedanken
einer großen Träumerin.

Christian Morgenstern

The Meadow Brook

Cool and clear one! Without a sound
You guide over moss and bright
stones the moving wave,
intimate with bush and meadow alike.

Leaves, flowers and fruit sway
now and then over you,
like the lost thoughts
of a great dreamer.

No. 3

Vöglein Schwermut

Ein schwarzes Vöglein fliegt über die Welt,
das singt so todestraurig.
Wer es hört, der hört nichts anderes mehr,
wer es hört, der tut sich ein Leides an,
der mag keine Sonne mehr schauen.

Allmitternacht, Allmitternacht
ruht es sich aus auf dem Finger des Tods.
Der streichelt's leis und spricht ihm zu:
„Flieg, mein Vögelein, flieg, mein Vögelein!"
Und wieder fliegt's flötend über die Welt.

Christian Morgenstern

The Bird of Melancholy

A little black bird flies over the world,
singing so mournfully.
Whoever hears it hears nothing more,
whoever hears it does himself a wrong,
he can no longer see the sun.

At midnight, at midnight
it rests on the finger of death,
which strokes it gently and says to it:
"Fly, my little bird, fly, my little bird!"
And it flies again warbling over the world.

No. 4

Drei Prinzessinnen

Drei Prinzessinnen im Lande Syrn
standen an dem weißen Rand des Meeres,
sahen aus nach einem flinken Fahrzeug,
das sie in die Ferne führen sollte,
zu den Ufern, wo die Freiheit wohnt.

Drei Prinzessinnen im Lande Sym
hoben ihre Hände zu den Göttern
und erflehten die Erfüllung ihrer
Sehnsucht, aber keine Götter hörten
auf das heiße, angsterfüllte FIehn.

Drei Prinzessinnen im Lande Sym
klagten durch die Tage, durch die Nächte.
Aber niemand hörte ihren Jammer;
ihre Schönheit welkte wie die Blumen,
ihre Stimme losch als wie ein Licht.

Drei Prinzessinnen im Lande Sym
hocken alt und grau am Rand des Meeres,
ihre Lippen reden irre Worte,
ihre Hände spielen mit dem Sande,
und sie streun Ihn in die Haare, glaubend,
daß es sommerliche Blumen sind.

Nach dem Chinesischen von Hans Bethge

Three Princesses

Three princesses in the land of Sym
stood at the white edge of the sea,
looking for a fast ship,
that would take them far away,
to the shores where freedom dwells.

Three princesses in the land of Sym
raised their hands to the gods
pleading for the fulfilment of their
yearning, - but no gods heard
their fervent, anxious pleading.

Three princesses in the land of Sym
lamented through the days, through the nights.
But no-one heard their lament;
their beauty faded like the flowers,
their voice went out like a light.

Three princesses in the land of Sym
squat old and grey at the edge of the sea,
their lips speak senseless words,
their hands play with the sand,
and they scatter it in their hair, believing
that it is summer flowers.

From the Chinese by Hans Bethge

No. 5

Abend auf dem Fluß

Nur eine einzige Wolke zieht am Abendhimmel hin;
nur eine Barke schwimmt im Fluß,- ich bin allein darin.
Nun kommt der junge Mond herauf, ein runder Silberschild;
Im Flusse, geisterhaft bewegt, seh ich sein Zauber-bild.

Da wird die dunkle Wolke hell und schwebt in süßer Ruh,-
da fühl ich weichen allen Schmerz,- o Mond, das tatest du!

Nach dem Chinesischen von Hans Bethge

Evening on the River

Just one single cloud draws across the evening sky;
one lonely barque floats in the river,- I am in it, alone.
Now the young moon rises, a round, silver shield;
In the river, in ghostly motion, I see its enchanted image.

Then the dark cloud brightens and floats in sweet rest,-
then I feel all pain ease,- O moon, that is your doing!

From the Chinese by Hans Bethge