Op. 26. Requiem für Mignon
Fragment aus Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre"
(8. Buch, 8. Kap.)


Zwei unsichtbare Chöre fingen mit holdem Gesang an zu fragen:
Wen bringt ihr uns zur stillen Gesellschaft?

Die 4 Kinder (Frauenchor) antworten mit lieblicherStimme:
Einen müden Gespielen bringen wir euch, laßt ihn unter euch ruhen, bis das Jauchzen himmlischer Geschwister ihn dereinst wieder aufweckt.

Chor
Erstling der Jugend in unserem Kreise, sei willkommen! Mit Trauer willkommen! Dir folge kein Knabe, kein Mädchen nach! Nur das Alter nahe sich willig und gelassenen der stillen Halle, und in ernster Gesellschaft ruhe das liebe, liebe Kind.

Kinder
Ach wie ungern brachten wir ihn her! Ach! und er soll hier bleiben! Laßt uns auch bleiben, laßt uns weinen, weinen an seinem Sarge.

Chor
Seht die mächtigen Flügel doch an! Seht das leichte, lichte Gewand! Wie blinkt die goldene Binde vom Haupt! Seht die schöne, die würdige Ruh!

Kinder
Ach, die Flügel heben sie nicht! Im leichten Spiele flattert das Gewand nicht mehr! Als wir mit Rosen kränzten ihr Haupt, blickte sie hold und freundlich nach uns.

Chor
Schaut mit den Augen des Geistes hinan! In euch lebe die bildende Kraft, die das Schönste, das Höchste, hinauf über die Sterne das Leben trägt.

Kinder
Aber ach! Wir vermissen sie hier, in dcn Gärten wandelt sie nicht, sammelt der Wiese Blumen nicht mehr. Laßt uns weinen, wir lassen sie hier! Laßt uns weinen und bei ihr bleiben.

Chor
Kinder, kehret ins Leben zurück. Eure Tränen trockne die frische Luft, die um das schlängende Wasser spielt. Entflieht der Nacht. Tag und Lust und Dauer ist das Los der Lebendigen,

Kinder
Auf, wir kehren ins Leben zurück. Gebe der Tag uns Arbeit und Lust, bis der Abend uns Ruhe bringt und der nächtliche Schlaf uns erquickt.

Chor
Kinder, eilet ins Leben hinan! In der Schönheit reinem Gewande begegne euch die Liebe mit himmlischem Blick und dem Kranz der Unsterblichkeit.