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Nach dem Erfolg der Heiligen Ente erschien Gáls dritte Oper, Das Lied der Nacht (Op.23), ein im Sizilien des 12. Jahrhunderts spielendes romantisches Drama mit einem Turandot-ähnlichen Stoff [Die Oper is 1924-25, also fast gleichzeitig mit Turandot enstanden und kam gerade einen Tag vor Turandot (am 24.4.1926) zur Uraufführung]. Sie wurde 1926 in Breslau uraufgeführt und dann in Düsseldorf, Königsberg und Graz gespielt. Diese 'dramatische Ballade' benannte Oper, wiederum mit einem Text von Levetzow, brachte weitere Bestätigung seines Ranges als Bühnenkomponist. Der Kritiker der Schlesischen Tagespost schrieb von der Uraufführung:

"Ein großer Erfolg. Für mich persönlich gehört der Abend zu den stärksten Eindrücken in der Oper überhaupt! Musik und poetischer Vorwurf gehen auf das glücklichste zusammen."

In Breslau, wo alle bisherigen Gál-Opern gespielt worden waren (und im Jahre 1924 sogar eine Karnevalsparodie Die Heilige Rente: nach der Oper von Gans Egal), wurde das Lied der Nacht als neuer Höhepunkt empfangen:

"Man weiß nicht, ob man der erstaunlichen Vielseitigkeit und Farbenfröhlichkeit der Ausdrucksmittel seiner Musik, wie sie uns in der Exposition entgegentritt, den Vorzug geben soll, oder dem herrlichen musikalischen Aufbau des zweiten 'Bildes', dem nur weniges in der Opernliteratur gleichkommt. Diesem in Stimmung und Weihe überschwänglichen Lyrismus entspricht die Tiefe der symphonischen Ideen, ihre Durchgestaltung bewährt die Hand des reifen Könners. Die harmonischen Mixturen sind durchweg modern, aber modern im besten Sinne, sie bedeuten eine Bereicherung der Ausdrucksfarben, sind seelisch erfühlt, vermitteln durchweg ein ursprüngliches Erleben des Schönen... Alles in allem bedeutet die neue Oper deshalb einen enormen Fortschritt des Komponisten, weil sie neben der Meisterschaft und Erfindungskraft, die wir auch in der 'Heiligen Ente' zu bewundern hatten, zum erstenmal die warme Fülle seines Herzens uns erschließt. Und so wird sie als das bisher vollgültigste Zeugnis seiner Begabung immer zu gelten haben." [Breslauer Zeitung]

Hanna Gál schrieb über die Entstehung der Zusammenarbeit mit Levetzow (dessen Texte auch von Schönberg in seinem Opus 1 vertont wurden), und zeigte dabei etwas vom ungewöhnlichen Charakter des Textdichters:

"Nach dem Erfolg der 'Heiligen Ente' erhielt Hans zahlreiche Manuskripte von Dichtern, Schriftstellern und solchen, die sich dafür hielten, mit Vorschlägen für eine Zusammenarbeit an einer neuen Oper. Hans zeigte sich völlig uninteressiert, und nahm sich kaum die Mühe, die Manuskripte zu lesen. Erst ein paar Jahre später bekam er wieder Lust, eine Oper zu schreiben, wollte dafür aber unbedingt Levetzow als Textdichter. Aber wo war der Kerl hingeraten? Ein Brief an die letzte Hans bekannte Adresse in Paris blieb unbeantwortet. Schließlich erfuhr Hans von einen der hocharistokratischen Cousinen des Dichters [er war mit Ulrike von Levetzow, der letzten Liebe von Goethe und Gegenstand seiner Marienbader Elegie, verwandt], dass Levetzow sich in Corsica befinde und erhielt die Adresse. Levetzow zeigte lebhaftes Interesse, und so beschloss Hans, dass unsere Ferien uns nach Italien und Corsica führen sollten.

Nach ein paar all zu kurzen Tagen in Venedig and Florenz erreichten wir Livorno, von wo einmal in der Woche ein Schiff nach Bastia ging. Die Überfahrt durch das geradezu unwahrscheinlich blaue Mittelmeer war ereignislos. In Bastia mussten wir die Nacht verbringen. Ziemlich scheußlich. Dann bestiegen wir den Zug, der der Küste entlang einmal im Tag von Bastia bis Ajaccio (dem Geburtsort Napoleons) fuhr. Der Zug machte an jedem Örtchen Station. Auf die Frage nach einer gewissen sanitären Einrichtung erhielten wir die Antwort 'Le pays est large'. An Levetzow's Wohnort angelangt, fanden wir das Örtchen fast menschenleer. Es war eine Malariagegend und während des Sommers zogen die Bewohner mit ihren Tieren auf das nächste Bergplateau in ihre Sommerquartiere. Levetzow konnte das nicht tun, denn er und sein Freund Jean Baptiste hatten buchstäblich keinen sou in der Tasche. Glücklicherweise war J.B. ein Berganzi, stammte von einer der berühmtesten Räuberfamilien der Insel ab und hatte überall Kredit.

In Paris war es nicht mehr weitergegangen und so beschlossen die beiden nach Corsica zu ziehen und dort von Jagd und Fischerei zu leben. Mit der Jagd hatten sie Pech. Levetzow glaubte, einen Gamsbock zu erlegen, aber es war der Ziegenbock des Nachbars, sozusagen der Zuchtstier der Gemeinde. Und mit dem Fischen war es auch nicht das Richtige, denn Jean Baptiste mochte keine Fischsuppe. Wie sie es machten, weiß ich nicht, aber sie hatten jedenfalls immer reichlich Wein und Zigaretten, und durch unser Kommen kam auch wieder etwas Bargeld in Umlauf. J. B. kochte das Essen. Levetzow: 'Tu n'a pas oublié le poivre?' J.B.: 'Non, je n'ai pas oublié le poivre.' Auf dem Bett von Levetzow sitzend wurden die ersten Ideen für 'Das Lied der Nacht' skizziert und diskutiert. . .

Hans war entsetzt über die Lebensumstände seines Freundes und setzte alle Hebel in Bewegung um ihm die Rückkehr in die Zivilisation zu ermöglichen. Und so erschien Levetzow ein paar Wochen später in Wien. Der Direktor der Universal Edition zahlte ihm eine Monatspension à conto späterer Tantiemen, meine Mutter kaufte ihm einige Bilder ab, die er geerbt hatte, und so war ein Anfang gemacht. Er wollte Sprachstunden geben, aber damit ging es so ähnlich wie mit der Jagd und Fischerei in Corsica. Doch ohne Jean Baptiste war es nicht das Richtige. Eines Tages erschien dieser mit einem Dackel an der Leine in Wien. Der Höhenunterschied zwischen Dackel und Jean Baptiste war der gleiche wie zwischen J.B. und Levetzow. Natürlich wurde nichts aus den guten Vorsätzen für eine bürgerliche Existenz, und er musste schließlich zu einem Neffen ziehen, der auf einem verschuldeten Gut in Mähren saß. Dort geriet er in politsche Schwierigkeiten und in Untersuchungshaft, und starb im Gefängnis ehe es zur Verhandlung kam.

Er war der einzige echte Bohemien, den ich je kannte." [Privatbrief, Oktober, 1989.] [mehr . . .]

 

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'Das Lied der Nacht' - Graz
Das Lied der Nacht
'Das Lied der Nacht' - Uraufführung
'Die heilige Rente'
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© Copyright Anthony Fox & Eva Fox-Gál, York 2001