Im Jahr
1922 - inmitten der Inflation und der damit verbundenen finanziellen
Schwierigkeiten - heiratete Gál Hanna Schick, aus einer distinguierten
und kultivierten Wiener Familie, zu der der Philosoph und Psychologe
Wilhelm
Jerusalem (1854-1923) gehörte. Sie lernten sich durch die Pianistin
Louise Wandel kennen, die zufällig Hannas Mutter kannte und, nachdem
sie krank gewesen war, eingeladen wurde, bei den Schicks zu wohnen,
wo Hans, ein alter Freund, sie besuchte. Hanna hatte seine Musik bei
Wiener Konzerten kennengelernt, aber persönlich kannte sie ihn
nicht. Sie erklärte: 'Als diese Pianistin bei mir anfragte, was
zu meiner Begrüßung ich für Kammermusik mir wünsche,
sagte ich unter anderem: Klavierquartett von Hans Gál. Bei der
Gelegenheit spielte er Cello. Nun, und sechs Wochen später waren
wir verlobt'.
Hannas
Mutter schätzte zwar Gál sehr, und malte auch sein Porträt,
aber sie war wohl mißtrauisch dem 12 Jahre älteren Komponisten
als künftigem Ehemann gegenüber, denn sie gab sich die Mühe,
ihre Handschriften vor der Verlobung einem sehr berühmten Graphologen
zur Begutachtung zu geben. Der Graphologe widerriet der Verbindung mit
der Begründung, Gál sei offenbar zu egoistisch. Beim neunundneunzigsten
Jahrestag von seinem Geburt, und nach 65 Jahren Ehe, gab Hanna zu, dass
das an sich eine richtige Beurteilung wäre, aber
"Was er natürlich
nicht sehen konnte, war, dass dieser Egoismus kein grob materieller
war, sondern einzig seinem Schaffen diente, für das er sich,
manchmal ziemlich rücksichtslos, Zeit und Freiheit erkämpfen
musste. Aber meine Mutter war sehr besorgt und durchaus darauf gefasst,
dass unsere Ehe nicht lange halten würde." [Privatbrief,
5.8.1999.]
Sie erzählte
auch, wie Gál sie einige Wochen vor der Heirat unangemeldet zu
Mandyczewskis führte:
"Frau M.
öffnete die Tür und Hans sagte zu ihr: 'Frau Professor,
ich habe da eine junge Dame mitgebracht, die bei Ihnen kochen lernen
möchte.' Frau M. war für einen Augenblick perplex, dann
rief sie enthusiastisch 'Ich durchschaue alles!' und ich wurde herzlich
empfangen." (Privatbrief, 5.10.1989.]
Später
erinnerte sich Hanna ihrer glücklichen und privilegierten Kindheit
in Prag:
"Bis 1918
standen große Teile Böhmens im Besitz einiger Hocharistokraten.
Diese hohen Herren hatten ihre herrlichen Stadtpalais in Prag und
Wien, ihre Jagdschlösser in geeigneten Gegenden. Ihre Ländereien
verpachteten sie mit langfristigen Verträgen an Landwirte. Mein
Großvater bewirtschaftete mit der Zeit drei Güter. Das
erste Gut war Welen, wo alle seine Töchter zur Welt kamen. Dann
kamen Letnan und Gbell dazu. Gbell, ein gräflich Czerninscher
Besitz, war das schönste und größte der drei Güter,
und am nächsten zu Prag gelegen, so dass meine Mutter und ihre
drei Schwestern täglich im Wagen zu einer Vorstadt Prags gebracht
wurden, von wo aus sie mit der Straßenbahn zum Lyzeum gelangen
konnten.
Am entferntesten
Teil von den Stallungen stand das weitläufige Herrenhaus. Der
sehr große Hof enthielt entlang der rechten Seite eine Reihe
von Häusern; das Haus des Verwalters, die ständigen Sommerwohnungen
der zwei ältesten verheirateten Töchter, auch Unterkünfte
für die Saisonarbeiter. Auf der linken Seite gab es Remisen für
die Fahrzeuge und die landwirtschaftlichen Geräte, Hühner-,
Gänse- und Pferdeställe. Die ganze Breite des Hofs, gegenüber
dem Herrenhaus, nahmen die Kuhställe ein: Unterbringung für
mehr als 100 Milchkühe. An dieser Stallfront befand sich die
Tür zu dem riesigen Garten. Die Rückwand der Kuhställe
war mit Spalierobst bepflanzt. Davor, entlang des langen Kieswegs
zum Tennisplatz, lagen die Erdbeerbeete. Auf der anderen Seite diese
Wegs gab es Ribisl-, Stachelbeer- und Himbeersträucher. Rechts
vom Garteneingang und tiefer in den Garten gelangte man zuerst zu
einigen Gemüsebeeten, einer Pumpe mit Wasserbottich und dann
einer leicht erhöhten Wiese mit ein paar einzelnen Obstbäumen.
Das war der Spielplatz für meine Cousine Elly und mich. Täglich
füllten die beiden Kindermädchen zwei Kinderbadewannen bei
der Pumpe und stellten eine in die pralle Sonne, die andere in den
Halbschatten. Wir wurden niemals müde, uns abwechselnd in das
wärmere oder kältere Wasser zu legen. Wenn wir Lust hatten,
etwas zu essen, gab es Karotten und Kohlrabi im Gemüsebeet und
alle Arten reifen oder unreifen Obsts.Die beiden Kindermädchen
saßen unter einem Baum, schwatzten und nähten, häkelten
oder stickten für ihre Ausstattung. Später, als mein drei
Jahre jüngerer Bruder Karl und sein gleichalteriger Cousin Heini
schon laufen konnten, hatten es die beiden Kindermädchen nichtmehr
ganz so bequem. Die Buben rannten davon, fielen auf dem Kiesweg und
schlugen ihre Knie wund, bekamen Bauchweh von dem vielen Obst und
natürlich gab es ständig Balgereien, Geschrei und Kämpfe.
Im Jahr 1908 -
ich war damals sechs Jahre alt - übersiedelten wir nach Wien
und das war das Ende der paradiesischen langen Sommer in Gbell."
[Privatbrief.]
Die Übersiedlung
nach Wien fand knapp ein paar Wochen vor dem sechzigjährigen Regierungsjubiläum
des Kaisers Franz Josef, woran sich Hanna mit derselben Klarheit erinnerte:
"Es konnte
natürlich nicht die Rede davon sein, dass wir uns am aktuellen
Festtag in die Stadt gewagt hätten,
aber ein paar Tage vorher fuhren wir im Wagen der Fabrik - ich auf
dem Bock neben Herrn Stummerer, dem Kutscher, in die Stadt und sahen
etwas von den Vorbereitungen und Proben für die große Gelegenheit.
Ich erinnere mich besonders an die Votivkirche, deren reicher Zierat,
rosig angeleuchtet, wie das Kunstwerk eines Konditors wirkte. Wir
fuhren über die ganze Ringstraße und kehrten entlang des
Flusses zu unserem Heim zurück, das sich zwischen Brigittebrücke
und Franz Josefsbahnhof befand." [Privatbrief.]
Um das
Einkommen der Familie ergänzen zu können, studierte Hanna
am Wiener Ambulatorium für
Sprach-
und Stimmstörungen im Allgemeinen Krankenhaus die Logopädie.
Im Jahr 1923, ein Jahr nach der Eheschließung, wurde das erste
Kind, Franz, geboren; ihm folgte, ein Jahr später, Peter.