Nach
der Internierung kehrte Gál nach Edinburgh zurück. Aber
ohne Arbeit, Unterkunft oder Einkommen waren die Aussichten keineswegs
hoffnungsvoll. Trotzdem bot sich eine Möglichkeit: eine freie Stelle
als Hausmeister und Feuerwache in einer evakuierten Mädchenschule.
Auf charakterische Weise nützte Gál diese Gelegenheit aus,
um regelmäßig Musiker zu einem 'Collegium Musicum' ins Haus
zu bringen. Es wurde jeweils ein Programm geprobt, das dann für
Familienangehörige vorgetragen wurde. Die Beteilgten erinnern sich
noch heute an die feinen belegten Brötchen, die Hanna trotz Kriegsrationen
immer bei diesen Gelegenheiten aufbrachte.
Die Schwierigkeiten
nahmen doch kein Ende: ihr jüngerer Sohn, der anscheinend die großen
Belastungen der Situation nicht mehr verkraften konnte, schied freiwillig
aus dem Leben. Die Geburt einer Tochter, Eva, im Jahr 1944 kann wohl
als Entschluß betrachtet werden, diese verheerende Tragödie
zu überwinden.
Mit dem
Ende des Kriegs wurde die Situation für die Gáls schon merklich
besser. Als Erstes verschaffte ihm Sidney Newman, der neue Musikprofessor,
eine feste Lehrstelle an der Musikfakultät der Universität.
Es war eine Ironie, daß ihm gerade zu dieser Zeit ein Lehrauftrag
an der Wiener Akademie angeboten wurde. Aber nach so vielen Umwälzungen
konnte er sich nicht entschließen, sich noch einmal verpflanzen
zu lassen, zumal er jetzt schon Mitte Fünfzig war. So blieb er
bis ins hohe Alter an der Universität tätig und war bis an
sein Lebensende in Edinburgh ansäßig. Er wurde zu einer wohlbekannten
Persönlichkeit des Edinburgher Musiklebens, als Komponist, Interpret,
Gelehrter und Lehrer geschätzt.
Gál
war auch mit dem Wiener Rudolf Bing, der damals Direktor der Glyndebourne
Opera und später der Metropolitan Opera New York war, an Diskussionen
über die Möglichkeit eines Festivals in Edinburgh beteiligt.
Gál hielt sich skeptisch; es schien ihm kaum möglich, da
das damals
kulturell provinzielle Edinburgh mit Salzburg konkurrieren könnte.
Bing konnte aber den Plan verwirklichen: die Edinburgher Internationale
Festspiele, die sich in eines der wichtigsten kulturellen Ereignisse
der Welt entwickelten, wurden 1947 gegründet. Gál war jahrelang
daran beteiligt; er spielte im Jahr 1952 sogar selber bei einer unvergeßlichen
Aufführung der Drei Vokalquartette (op. 64) und der Liebeslieder-Walzer
(Op. 52) von Brahms und der vierhändigen F-moll Fantasie
von Schubert mit, zusammen mit Clifford Curzon, Irmgard Seefried, Kathleen
Ferrier, Horst Günter und Julius Patzak.
Gáls
musikalischen Werte waren immer noch fest in der deutsch-österreichischen
Tradition verwurzelt, und er wurde nie im kulturellen Milieu seiner
adoptiven Heimat einheimisch. Bereits 1948 kam er zum ersten Mal wieder
nach Wien, um an einer Aufführung teilzunehmen. Im selben Jahr
fuhr er zur Uraufführung seiner Kantate De
Profundis wieder nach Deutschland, und wieder 1956 zur Uraufführung
seiner im
Auftrag der Mainzer Liedertafel komponierten Lebenskreise.
1958 wurde ihm der österreichische Staatspreis verliehen, und mit
dem Preisgeld machte er zum ersten Mal seit dem Krieg mit seiner Familie
in Österreich Urlaub. Andere Auszeichnungen waren die Doktorwürde
honoris causa von den Universitäten Edinburgh (1948) und
Mainz (1977), der Order of the British Empire (1984) und der Große
Orden 'Litteris et Artibus' der Österreichischen Republik (1981).