Obwohl
Gáls Familie nicht besonders musikalisch war, war sein Vater
Opernenthusiast und er führte Hans und seine drei Schwestern in
die Oper, was sein musikalisches Interesse erweckte. Als er acht Jahre
alt war, erkannte die Tante Jenny, die dort zu Besuch war, sein musikalisches
Talent, und sie bestand darauf, dass Hans Klavierunterricht bekam. Dem
jungen Hans war das tägliche Üben langweilig, und er gab später
zu, dass er die Uhrzeiger heimlich vorrückte, um die Zeit zu kürzen.
Aber das
musikalische Ereignis, das sein Interesse an der Musik eigentlich erweckte,
war ein Konzert für Schulkinder, in dem die Meistersinger-Ouvertüre
von Wagner und die Neunte Symphonie von Beethoven gespielt wurden. Er
hatte vierzehn Jahre und war zum ersten Mal bei einem Orchesterkonzert.
Die Symphonie imponierte ihm so sehr, dass er darauf bestand, sie immer
wieder vierhändig mit einer seiner Schwestern auf dem Klavier zu
spielen. In den nächsten paar Jahren entwickelte sich rasch seine
Leidenschaft für Musik. Wie jeder andere erlebte er "einen
heftigen Anfall von Wagnerismus, als wäre es die Masern gewesen"
[Brief an John Russell, 14.9.1956]. Es gab Aufführungen an der
Oper, von denen einige von Mahler dirigiert wurden, an dessen Dirigieren
er sich auch nach achtzig Jahren ganz klar erinnern konnte. Eine weitere
Veranstaltung, die in seinem Gedächtnis haftete, war eine Aufführung
von Salome von Richard Strauss, im Jahr 1907 im Deutschen Volkstheater
durch eine Operntruppe aus Breslau gespielt.
Nach einer
Reihe von Klavierlehrerinnen wurde er mit fünfzehn Jahren schließlich
Schüler von Richard
Robert (1861-1924), einem der angesehensten Lehrer Wiens, der damals
Leiter des Neuen Wiener Konservatoriums war. April 1909 erwarb Gál
unter der Aufsicht Roberts die Staatslehrerprüfung, die Klavierspiel,
Musikgeschichte und Harmonie mit einbezog.
Hanna Gál
erklärte:
"In Wien
gab es im ersten Viertel des Jahrhunderts gleichzeitig drei hervorragende
Klavier-Pädagogen. An der Akademie wirkte Emil Sauer, der selbst
noch Schüler von Liszt gewesen war und seine Studenten vor allem
auf höchste Virtuosität trainierte. Auch der weltberühmte
Leschetizky hatte sich in Wien niedergelassen. Seine Schüler
waren erkenntlich an ihrer wunderbar durchmodellierten Klangkultur.
Der dritte hochangesehene Klavierpädagoge war Professor Robert.
Seine Schüler waren keine bloßen 'Klavierpianisten', wie
Hans das nannte. Sie mußten imstande sein, vom Blatt zu transponieren,
Gesangsbegleitung und Partiturspiel wurden geübt. Klara Haskill,
ehe die Familie nach Paris übersiedelte, [Georg] Szell, Hans,
[Rudolf] Serkin, Rudi [Rudolf] Schwarz und viele andere Musiker kamen
aus seiner Schule. Frau Robert bemühte sich um den gesellschaftlichen
Zusammenhalt der Robertschüler. Szell fand dort seine erste Frau."
[Privatbrief, 10.10.1989.]
Durch seine
gesellschaftlichen Kontakte im Robertkreis lernte Gál auch Skifahren,
was ihm, wie Hanna erzählte, "eine neue Welt eröffnete
und eine große Freude für ihn war." [op. cit.]
Als Gál
vierzehn Jahre alt wurde, war er bereits ein gewandter Pianist und hatte,
jedoch ohne jeglichen technischen Kompositionsunterricht, etwa hundert
Lieder, vier Opernentwürfe in Klavierfassung und unzählige
Klavierstücke komponiert - alle später als Werke seiner Lehrjahre
vernichtet.
Durch Robert
erhielt er 1909 eine Anstellung als Lehrer für Harmonie und Klavier
am Neuen Wiener Konservatorium, die es ihm finanziell ermöglichte,
weiter zu studieren. Er hatte das Glück - wieder durch Robert -,
in Eusebius
Mandyczewski (1857-1929), der zum intimen Freundeskreis von Brahms
gehört hatte, seinen idealen Mentor und 'geistigen Vater' zu finden.
Unter ihm arbeitete Gál zwei Jahre intensiv an Formenlehre und
Kontrapunkt. Gál liebte und verehrte Mandyczewski und blieb bis
zu dessen Tod in engster Verbindung mit ihm (mehr...).
Mit Bezug
auf das Verhältnis Gáls zu Mandyczewski erzählt Hanna
Gál:
"In
seiner Junggesellenzeit verbrachte Hans zweimal die Sommerferien in
Mönichkirchen, einem waldigen Höhenort oberhalb von Aspang.
Dort ließ sich damals Mandyczewski, ganz nach seinen Wünschen,
ein Haus bauen. Als es fertig war, malte ihm ein befreundeter Künstler
al fresco eine orgelspielende Heilige Cäcilie auf die Wand. Im
Wirtshaus überhörte Hans zwei Einheimische, die sich über
das neue Haus und seinen Schmuck unterhielten. Einer: 'Ja, warum hat
er denn nicht die Heilige Maria auf das Haus gemalt?' Antwort: 'Die
hat ja net Klavier spielen können.'
Hans hatte eine
glückliche Zeit dort. Er wohnte sehr behaglich bei Fräulein
Loni, der ehemaligen Pfarrersköchin, der der Herr Pfarrer das
Haus hinterlassen hatte, arbeitete viel, wanderte täglich stundenlang
in der wunderschönen Gegend herum, und konnte immer bei Mandyczewskis
vorsprechen, mit der reizenden kleinen Viki, damals etwa 4 Jahre alt,
spielen, sich mit Herrn oder Frau M. über ideale und triviale
Gegenstände unterhalten. Er hatte es sich nicht schöner wünschen
können." [Privatbrief, Oktober 1989.]
Gleichzeitig
(1909-11) studierte Gál Musikwissenschaft am Musikhistorischen
Institut der Universität unter Guido
Adler (1855-1941), dem namhaften Musikhistoriker und Begründer
der Serie Denkmäler der Tonkunst in Österreich. 1913
schloss er sein Studium mit einer Doktorarbeit über die
Stileigentümlichkeiten des jungen Beethoven ab, der die seltene
Ehre verliehen wurde, in Adlers eigenen Studien zur Musikwissenschaft
aufgenommen zu werden.