Im
Jahre 1933 aus Deutschland vertrieben, kehrten die Gáls zunächst
nach Wien zurück. Sie waren nicht die Einzigen; das musikalisch
aktive Deutschland war in den zwanziger Jahren für österreichische
Musiker, viele davon jüdischer Abstammung, wie ein Magnet gewesen,
und viele kamen jetzt zurück. Andere zogen die Emigration in die
Tschechoslowakei, in die Schweiz, nach Frankreich oder weiter nach England
oder den USA vor. Die Rückkehr nach Österreich war für
die Gáls zwar das Natürlichste - sie hatten dort Familie,
Freunde und sogar noch Geld, und Gál wollte seine kulturellen
Wurzeln nicht ausreißen - aber Österreich war eigentlich
für Flüchtlinge vor dem Naziterror in Deutschland das denkbar
ungünstigste Land. Faschistische Tendenzen, die parallel zu den
Entwicklungen in Deutschland verliefen, waren schon deutlich in Erscheinung
getreten. In den frühen dreißiger Jahren unterdrückte
Kanzler Dollfuß sozialistische Bewegungen und wurde selber im
Juli 1934 bei einem Nazi-Putschversuch ermordet. Die Saat des späteren
'Anschlusses' wurde schon gesät.
Für
die neu wiederkehrenden Exilierten lagen die Schwierigkeiten nicht nur
in der Verlust ihrer Stellen; Deutschland, mit seinen vielen Opernhäusern,
Orchestern und Verlagen, war für österreichische Komponisten
bei weitem der wichtigste Absatzmarkt, un dieser Markt war ihnen jetzt
gesperrt. Für Gál blieben jetzt nur ganz wenige Aufführungsmöglichkeiten
für seine Werke übrig. Eine davon fand im Dezember 1934 in
Zürich statt: die Uraufführung des Theaterstücks Hin
und Her von Ödön
von Horváth (der auch ein Wiener Flüchtling aus Deutschland
war), wofür Gál die Musik geschieben hatte, mit dem Komponisten
am Dirigierpult. (Bezeichnenderweise handelt es sich um die erfolglosen
Versuche eines Mannes, der sich auf einer Brücke zwischen zwei
Staaten befindet, überhaupt einen Pass für einen jeglichen
zu bekommen.)
Gál
musste nun versuchen, die Fäden seiner vorherigen Existenz in Wien
anzuknüpfen, aber nachdem er keine feste Anstellung hatte, musste
jetzt für den Broterwerb
hauptsächlich der Privatunterricht herhalten. Er
dirigierte das damals neue Wiener Konzertorchester und übernahm
wieder die von ihm im Jahre 1927 selbst gegründete Madrigalvereinigung,
wie auch die Konzerte der Bachgemeinde. Das wichtigste Werk dieser Periode
ist die nach einem von ihm selbst zusammengestellten Zyklus von Barockgedichten
komponierte Kantate De
Profundis (Op.50), eine großangelegte Vokalsymphonie
in fünf Sätzen, für Solisten, Chor, Orchester und Orgel,
deren Texte (vom Dreißigjährigen Krieg handelnd) mit apokalyptischer
Anschaulichkeit Gáls derzeitige Stimmung innerer und äußerer
Bedrängnis widerspiegeln. Dennoch bezeugt das damals ganz ohne
Aussicht auf eine Aufführungsmöglichkeit geschriebene Werk
einen unerschütterlichen Glauben an die Gültigkeit und Entwicklungsfähigkeit
der musikalischen Tradition, in der es so fest verankert ist. Durch
diese Komposition befreite sich Gál als schaffender Künstler
von dem Trauma von 1933. Waldstein (op. cit., S. 62) hat darauf hingewiesen,
dass fast alle Sätze dieses Werks in Dur enden, also trotz der
Verzweiflung positiv und lebensbejahend. Wie Waldstein es ausdrückt:
"Die Sätze
dieser Kantate sind nicht wie Akte eines Dramas, die einander fortzuführen
hätten, erst in der Folge ein ganzes ergäben. Sie sind wie
Variationen über dasselbe Thema, jeder gelangt zu dem gleichen
Ergebnis des Ja-sagens zu dieser Welt und diesem Leben mit allen seinen
Bitternissen, des letzten Einverständnisses mit Schöpfer
und Schöpfung durch demütige Hingabe; verschieden sind nur
die Wege, sind Licht, Farbe, Landschaft, verschieden die bedrängenden
Gefahren und deren Überwindung." [loc. cit.]
Eine weitere
Komposition dieser Zeit waren die Variationen
über ein Thema von Mozarts 'Don Giovanni' (Op. 60), für
Mandoline und Streicher geschrieben. Sonst beschäftigte sich Gál
mit etlichen Bearbeitungen, z. B. von der G-Dur-Symphonie
von Gluck (1934) wie auch der Musikgeschichte von Olga Kurt-Schab
(1935).
Schon vor
dem Anschluss im Jahre 1938 aber wurde es zunehmend deutlich, dass es
für die Gáls auch in Österreich keine Zukunft gab.
Wie Hitler einmarschierte und Österreich an das 'Dritte Reich'
'anschloss', war es klar, dass es nur noch die Flucht gäbe, zumal
die österreichische Bevölkerung Hitler mit offenen Armen empfing.
Binnen drei Tage nach dem Einmarsch verließ Hanna Österreich,
um den Weg für Hans vorzubereiten und festzustellen, ob die Flucht
noch möglich wäre. Hans kam nach, und die Familie begab sich
nach London, mit der Absicht, nach Amerika auszuwandern.