Die Opern
standen im Mittelpunkt in den Jahren des Aufstiegs, aber Gál
war nicht weniger aktiv auf anderen Gebieten. In dieser Schaffensperiode
(1919 bis 1929) sind viele Chorwerke entstanden, darunter die Phantasien
nach Gedichten von Rabindranath Tagore (Op.5), die Kantate
Requiem für Mignon (Op.26), Motette
nach einem Gedicht von Matthias Claudius (Op.19) und Epigramme
nach Gedichten von Lessing (Op.27), beide für achtstimmigen
gemischten a-capella Chor, und Drei
Lieder nach Gedichten von Rilke (Op.31) für dreistimmigen
Frauenchor mit Klavierbegleitung.
Die Vokalmusik
spielte von Anfang an eine zentrale Rolle. Er ging schon als Gymnasiast
in die Chorproben des Singvereins der Gesellschaft der Musikfreunde,
nahm dann als Schüler Mandyczewskis an seinen sonntäglichen
'Bachiaden' teil und war 1912 zusammen mit dem Oboisten Alexander Wunderer
Mitbegründer der Wiener Bachgemeinde gewesen. 1927 gründete
er eine eigene Madrigalvereinigung, die damals der einzige Chor in Wien
war, der a-capella Werke aufführte. Gál galt als
"einer der ersten, die durch ihr Schaffen die Renaissance des a
cappella-Musizierens eingeleitet haben" [Erwin Kroll, S.175]. Er
selbst schrieb in einem Aufsatz über 'Vokale Kammermusik':
"Was unserem
Musikleben not tut, ist... eine Wiederbelebung der Freude am Musizieren,
ein frischer Antrieb für die Hausmusik... Die Herrlichkeiten
der A-capella-Epoche sind in den letzten Jahrzehnten größtenteils
durch Neuausgaben zugänglich gemacht worden. Hier ist für
die Praxis ein Schatz zu heben, der an Bedeutung mit jenem verglichen
werden kann, den das Musikleben durch die Wiederentdeckung des Lebenswerkes
von Johann Sebastian Bach gewonnen hat. Aber vor allem liegt auf diesem
Gebiet eine Aufgabe für die schaffenden Musiker unserer Zeit,
deren Lösung geeignet wäre, unerhört befruchtend auf
die ganze musikalische Entwicklung zu wirken: eine neue Vokalmusik
ist zu schaffen, Musik, die, aus dem Geist unserer Zeit geboren und
mit Nutzung der neuerworbenen Ausdrucksmöglichkeiten, zu den
lange verschütteten Quellen echter Vokalität zurückführt,
eine Kammermusik im wahren Sinn des Wortes, die nicht nur zu hören,
sondern auch zu singen Freude und Anregung bietet." ['Vokale
Kammermusik', Musikblätter des Anbruch X, H.9-10, 1928]
In diesen
Werken findet man bereits eine volle Eigenständigkeit und Reife
des persönlichen Stils, wie auch einen stoffbedingten Abwechslungsreichtum,
welche seinen Vokalkompositionen einen besonderen Reiz verleihen. Sie
fanden auch in der zeitgenössischen Rezeption hohe Anerkennung,
wie es folgende Zeitungsauszüge bezeugen:
[Op.27 Epigramme]
"Diese Madrigale zählen zu dem Besten, was die letzten Jahre
auf diesem Gebiet hervorgebracht haben" [ Allgemeine Musikzeitung
]
oder wiederum:
"Frischer
und witziger ist auch in der Glanzzeit des Madrigals, im XVI. Jahrhundert,
nicht chormäßig musiziert worden" [Adolf Aber in den
Leipziger Neuesten Nachrichten ]
Es erschien
in diesen Jahren ein ständiger Strom an Klavier- und Kammermusik,
darunter die Suite für
Violoncello und Klavier (Op.6), die Violinsonate
(Op.17), das Klaviertrio
(Op.18), das für das Kieler Tonkünstlerfest des Allgemeinen
Deutschen Musikvereins komponierte Divertimento
für Bläseroktett (Op.22) und das Zweite
Streichquartett (0p.35), das vom Rosé-Quartett in Wien
uraufgeführt wurde und dann im Jahre 1932 (vom Kolisch-Quartett
gespielt) im Tonkünstlerfest in Zürich höchste Anerkennung
fand als "eine von der ersten bis letzten Note entzückende,
einfallreiche, prachtvoll melodiöse und rhythmisch lebendige Musik"
[Bericht über die 62. Tonkünstler-Versammlung in Zürich,
Kieler Zeitung 16.6.1932].